Vista Nr. 8 September 2008
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Früh behandeln Osteoporose wird oft unterschätzt Die Zahl der an Osteoporose erkrankten Menschen hat in den letzten50 Jahren stark zugenommen. Die Krankheit stellt mittlerweile in der Schweiz eines der grössten Gesundheitsprobleme dar und verursacht hohe Kosten. Professor Beat Michel, ist die Osteoporose eine neue Zivilisationskrankheit? Nein. Schon die alten Griechen kannten die Krankheit. Seit den 1950er-Jahren wächst jedoch die Zahl der an Osteoporose erkrankten Menschen kontinuierlich an. In den letzten zehn Jahren sogar überdurchschnittlich. Und auch in Zukunft wird die Zahl der Osteoporose-Patienten weiter steigen. Welches sind die Gründe für die Zunahme? Hauptgrund ist die Alterung der Gesellschaft. Osteoporose befällt mehrheitlich die Älteren unter uns. Und je älteren wir werden, desto mehr Menschen leiden unter Knochenschwund. Aber auch der medizinische und technische Fortschritt hat zur Zunahme der Osteoporose-Diagnosen beigetragen. Beispielsweise können wir erst seit wenigen Jahren die Knochendichte routinemäs-sig messen. Wird die Osteoporose genug ernst genommen? Sie wird vor allem von den Krankenkassen noch immer unterschätzt. Das ist erstaunlich, denn die Krankheit stellt einen riesigen Kostenfaktor dar, der in Zukunft noch gewichtiger werden dürfte. Von den in der Schweiz rund 300 000 Osteoporotikern müssen pro Jahr etwa 15 000 wegen Knochenbrüchen hospitalisiert werden. Das ergibt jährlich mehr als 600 000 Spitaltage nur wegen der Osteoporose. Ausserdem führen nicht wenige osteoporotische Frakturen bei älteren Leuten nach einer Akutbehandlung in einem Spital zu einer Einweisung ins Pflegeheim. Einige sterben sogar. Wir wissen heute, dass etwa 20 Prozent der Patienten mit einer osteoporotischen Oberschenkelhalsfraktur an den Folgen des Bruchs sterben. Von den restlichen Patienten bleiben etwa 20 Prozent bis zu ihrem Lebensende pflegebedürftig. Insgesamt sterben heute mehr Patienten in der Schweiz an den Folgen eines osteoporotischen Oberschenkelbruches als an denen eines Hirnschlages. Die Osteoporose ist keine Krankheit, die wir auf die leichte Schulter nehmen können. Was ist zu tun? Wir müssten die Krankheit viel früher diagnostizieren und behandeln. Könnten wir schneller mit einer Therapie beginnen, käme es weniger häufig zu Knochenbrüchen. Doch leider übernehmen die Krankenkassen heute die Kosten für eine Osteoporose-Untersuchung nicht immer, auch wenn eine solche medizinisch angezeigt ist. Das ist unverständlich, denn eine solche Untersuchung kostet nicht mehr als ein Röntgenbild. Mit einer frühen Behandlung könnte man die Kosten, die ein osteoporotischer Knochenbruch verursacht, einsparen. Und die übersteigen in der Regel die Ausgaben, die für eine langjährige Behandlung aufgewendet werden müssen. Auch wissen wir, dass das Frakturrisiko nach einem ersten osteoporotischen Knochenbruch um 50 Prozent wächst. Ab wann soll denn ein Knochenschwund Ihrer Meinung nach behandelt werden? Eine Behandlung müsste meiner Meinung nach bei Patienten mit bestimmten Risikofaktoren schon bei einer Osteopenie beginnen. In diesem Stadium ist die Knochendichte zwar schon reduziert, aber doch noch nicht so gering wie bei einer Osteoporose. Die Kassen jedoch übernehmen die Kosten für eine Therapie heute erst, wenn die Messung eine Knochendichte von weniger als –2,5 ergibt, wir also bereits von einer Osteoporose sprechen. Das ist jedoch für eine Behandlung viel zu spät, denn dann ist das Frakturrisiko bereits sehr hoch. Was schlagen Sie vor? Die Krankenkassen sollten meiner Meinung nach eine Osteoporose-Behandlung nicht nur ab einem bestimmten Knochendichtewert bezahlen, sondern ab einem bestimmten Frakturrisiko. Das schlägt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO vor. Sie hat dazu ein Risikokalkulationsmodell erarbeitet, das wir Rheumatologen in der Schweiz nun auf die Verhältnisse in unserem Land anpassen wollen. Wenn uns das gelungen ist, wollen wir das Gespräch mit den Krankenkassen suchen. Und wie soll das Frakturrisiko in der Praxis ermittelt werden? Mit einer Knochendichtemessung, einem Röntgenbild und einer umfassenden Risikofaktorenabklärung. Die Risikofaktoren lassen sich gut mit gezielten Patientengesprächen ermitteln. Wir wissen heute, dass vor allem eine erbliche Vorbelastung, das Alter und einige Krankheiten die Osteoporose stark fördern. Und wie stark beeinträchtigt der Lebensstil die Entstehung einer Osteoporose? Ein gesunder Lebensstil kann helfen, die Krankheit hinauszuzögern, verhindern kann er die Osteoporose aber leider nicht. Dossier-Übersicht
«Osteoporose» Bewust leben «Trotz Osteoporose voll Lebensfreude» Starke Knochen «Osteoporose lässt sich vorbeugen» Konsequenz nötig «Die Behandlung setzt dreifach an» Früh behandeln «Osteoporose wird oft unterschätzt» Zement im Wirbel «Schlüsselloch-Chirurgie bei Bruch» Naturheilkunde «Wichtige Akzente bei Osteoporose» Mehr Mobilität «Implantate stützen Wirbelsäule» Aktive Knochen «Bewegung stäkt die Substanz» OsteoSwiss «Ansprechstellen bei Osteoporosefragen» Kein Schicksal «Nützliche Infos zur Osteoporose» Um Knochenbrüche zu verhindern, ist gemäss Professor Beat Michel eine frühe Osteoporose-Diagnose sinnvoll. |








