Vista Nr. 8 September 2008
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Zement im Wirbel Schlüsselloch-Chirurgie bei Bruch Osteoporotische Wirbelbrüche werden selten operiert. Und wenn, dann können sie mit der Schlüsselloch-Chirurgie gut behandelt werden. Beim Eingriff wird Knochenzement in die von der Osteoporose geschwächten Wirbelkörper gespritzt. «Mit der Zementeinspritzung haben wir einen Quantensprung erreicht», sagt Wirbelsäulenchirurg Dr. med. M. Rühli von der Wirbelsäulen- und Schmerzklinik in Zürich. Noch vor wenigen Jahren war die Behandlung von osteoporotischen Wirbelbrüchen ein schwieriges Unterfangen. Heute kann sich ein frisch operierter Patient bereits nach wenigen Stunden wieder frei bewegen. «Und das manchmal sogar auf Anhieb schon völlig schmerzfrei», erklärt Dr. med. M. Rühli. Eine Operation steht immer dann an, wenn den Patienten als Folge eines Bruches starke, lang andauernde Schmerzen quälen und die Wirbelsäule, etwa durch eine Buckelbildung, stark deformiert ist. Durch die starke Deformation kommt es zu einer Fehlbelastung der Wirbelsäule. Dabei steigt das Risiko für einen Bruch rapide an. Das Perfide an der Osteoporose ist: Im fortgeschrittenen Stadium braucht es für eine Fraktur oft weder einen Sturz noch einen Schlag auf den Rücken. Die Wirbelkörper können plötzlich – ohne äussere Krafteinwirkung – in sich zusammenfallen. Das passiert, wenn die Dichte der Knochenbälkchen – dem natürlichen Füllmaterial der Knochen – so gering wird, dass sie ihn von innen nicht mehr genug stützen kann. Der Patient nimmt einen solchen Wirbelbruch am Anfang meist nur als ein Zwicken im Rücken wahr. Später können höllische Schmerzen hinzukommen. Nur wenige Rückenpatienten werden operiert Nicht alle 24 Wirbel sind gleich anfällig für Frakturen. Brüche gibt es vor allem auf Höhe der mittleren Brustwirbelsäule, im unteren Lendenbereich und auf der Höhe des Übergangs von der Brust- zur Lendenwirbelsäule. «In diesen Bereich wird auch am meisten operiert», sagt Dr. med. M. Rühli. Um festzustellen, ob eine Operation nötig ist, schickt der Hausarzt seinen Rückenpatienten zum Wirbelsäulenspezialisten. Dieser beurteilt zusammen mit dem Hausarzt oder Rheumatologen die Wirbelsäule anhand von Röntgenbildern und der individuellen Patientensituation. Wird dabei eine Fraktur festgestellt, verabreicht Dr. med. M. Rühli dem Patienten zunächst meist Medikamente. «Zwei bis drei Wochen später sollte erneut geröntgt werden. Ist der Bruch bis dann schlimmer geworden und sind die Schmerzen noch immer stark, ist eventuell eine Operation angezeigt.» Wirbelkörper-Hinterwand muss intakt sein Nicht immer eignet sich ein minimalinvasiver Operationseingriff mit Zementeinspritzung zur Behandlung eines Wirbelbruches. Ist beispielsweise die Hinterwand des Wirbelkörpers geschädigt, ist die Methode ungeeignet. «Das Risiko ist dann zu gross, dass Zement in den Wirbelkanal gelangen und das Rückenmark schädigen kann. Dann muss auf herkömmliche Art operiert werden», so Rühli. Ob dies der Fall ist, entscheidet der Arzt jeweils anhand von Magnetresonanz- oder Computertomographie-Bildern. Nur diese ermöglichen eine exakte Bewertung des Wirbelbruches und die endgültige Entscheidung, welche Operationsmethode geeignet ist. Ein oder zwei kleine Hautschnitte genügen Der Eingriff selbst wird unter Vollnarkose gemacht. Dazu wird der Patient für etwa eine Stunde lang medikamentös in den künstlichen Schlaf geschickt. Auf zwei rechtwinklig zueinander ausgerichteten mobilen Röntgenapparaten wird der Eingriff im Innern des Wirbels auf Bildschirme neben dem Operationstisch projiziert. So sieht der Chirurg zu jeder Zeit, was er macht. Die Operation selbst beginnt mit ein bis zwei Hautschnitten von einem halben bis einem ganzen Zentimeter. Durch diese führt der Chirurg Kanülen ein, durch die er einen zusammengefalteten Ballon in den Wirbelkörper einbringt. Dort wird dieser hydraulisch ausgedehnt. Dabei werden die Knochenbälkchen auseinandergedrückt, und in der Mitte des Wirbelkörpers entsteht ein Hohlraum. In diesen spritzt der Chirurg zwei bis sechs Milliliter flüssigen Knochenzement ein. Zwanzig Minuten später ist das Füllmaterial eingehärtet. Die Kanülen können entfernt und die Hautschnitte genäht werden. «Bereits drei bis sechs Stunden nach einem solchen Eingriff kann der Operierte wieder aufstehen und sich frei bewegen und je nach Allgemeinzustand drei bis vier Tage später das Spital wieder verlassen. In den meisten Fällen ist nach dem Eingriff nicht einmal mehr eine physiotherapeutische Nachbehandlung nötig», erläutert der Wirbelsäulenspezialist. Knochenzement hält ein Leben lang Der für Rückenoperationen verwendete Zement ist praktisch unverwüstlich. Einmal in einem Wirbelkörper eingespritzt, hält er ein Leben lang. Bei sehr starker Osteoporose kann es jedoch nach einiger Zeit zu neuen Brüchen an anderen Wirbeln kommen. Dann müssen in seltenen Fällen noch andere Wirbel operiert werden. Die Methode eignet sich auch zur Behandlung von Mehrfachbrüchen. Bald knochenaktive Substanzen statt Zement? Auch wenn mit der Zementeinspritzung ein Quantensprung in der Wirbelchirurgie gemacht wurde, wird weiter geforscht. In Entwicklung sind neue Füllmaterialien, die noch gefahrloser eingespritzt werden können als der heutige Knochenzement. Geforscht wird auch mit knochenaktiven Substanzen, die, in den Wirbel eingebracht, die Neubildung von Knochenbälkchen anregen. Dossier-Übersicht
«Osteoporose» Bewust leben «Trotz Osteoporose voll Lebensfreude» Starke Knochen «Osteoporose lässt sich vorbeugen» Konsequenz nötig «Die Behandlung setzt dreifach an» Früh behandeln «Osteoporose wird oft unterschätzt» Zement im Wirbel «Schlüsselloch-Chirurgie bei Bruch» Naturheilkunde «Wichtige Akzente bei Osteoporose» Mehr Mobilität «Implantate stützen Wirbelsäule» Aktive Knochen «Bewegung stäkt die Substanz» OsteoSwiss «Ansprechstellen bei Osteoporosefragen» Kein Schicksal «Nützliche Infos zur Osteoporose» Wirbelsäulenchirurg Dr. med. Markus Rühli repariert osteoporotische Wirbelknochenbrüche mit der minimalinvasiven Zementeinspritzung oder der sogenannten Ballon-Kyphoplastie. |








